Ein Tag mit einem Landpfarrer

05. Januar 2022

Auf www.katholisch.de gibt es einen Artikel über die Arbeit von Pfarrer Zimmermann aus unserer Pfarrei. Und auch wenn dieser Tag aus dem letzten Jahr war, so ist die Arbeit doch nicht weniger geworden. Natürlich muss man auch berücksichtigen, dass solch ein Artikel nicht die ganze Vielfalt der Gemeinde widerspiegeln kann und nicht alles ausdifferenziert wird. Trotzdem lohnt sich das Lesen.

Artikel auf www.katholisch.de: Ein Tag mit einem Landpfarrer (04.01.2022) von Paul Hartmann - mit Bildern

 

Ein Tag mit einem Landpfarrer

Christoph Zimmermann lebt das Leben eines typischen Landpfarrers in der Diaspora: Die wenigen Katholiken leben über kleine Gemeinden verstreut, er muss viele Aufgaben in Eigenregie abarbeiten. Ein Blick in einen Alltag abseits der urbanen Zentren.

Von Christoph Paul Hartmann |  Neuruppin - 04.01.2022

 

Es ist ein frischer Morgen in Neuruppin, es schlägt gerade acht Uhr. Die Müllabfuhr dreht noch ihre Runde durch die Präsidentenstraße, die vom Bahnhof in die Innenstadt führt. Christoph Zimmermann öffnet – für diese Uhrzeit unerwartet vital und ausgeschlafen – die Tür und sagt nur kurz Guten Morgen, bevor er ins Auto bittet. Von Neuruppin, etwa eine Stunde von Berlin entfernt und damit schon brandenburgische Provinz, geht es etwa zwanzig Minuten ins noch dörflichere (und aus Berliner Sicht abgelegenere) Fehrbellin. Das Auto, das sagt Zimmermann gleich zu Beginn, ist ein fester Begleiter in seinem Alltag, dem Leben eines Landpfarrers.

Der 47-jährige Zimmermann ist seit 2017 Pfarrer von Herz Jesu in der 30.000-Einwohner-Stadt Neuruppin, zur Pfarrei gehört auch noch das ein paar Kilometer entfernte Fehrbellin. Insgesamt leben 1.400 Katholiken auf dem Gebiet der Pfarrei – sie liegt also in der Diaspora. Seit Beginn dieses Jahres ist Neuruppin mit der Pfarrei Fürstenberg (mit den Orten Gransee und Rheinsberg) zusammengelegt worden, was die Katholikenzahl auf etwas über 2.000 erhöht – prozentual gesehen immer noch ein verschwindend geringer Anteil an der Bevölkerung hier.

In Fehrbellin hält Zimmermanns VW Golf vor der großen, neugotischen Dorfkirche – der evangelischen. Die katholische Kapelle des Ortes wird gerade renoviert und wäre aus Corona-Gesichtspunkten auch zu klein, Zimmermanns Gemeinde ist also bei den protestantischen Glaubensgeschwistern zu Gast. Beschwingt betritt der Pfarrer die leere, hohe, mit großer Farbigkeit ausgemalte Kirche, die von einem Jesusgemälde und dem hinter dem Altar aufgestellten Kreuz dominiert wird. Durch seinen Auftritt kommt gleich Leben in das prächtig, aber etwas müde daliegende Gotteshaus.

Viel alleine machen

Zimmermann ist extra früh gekommen, denn er muss heute alles alleine machen: Nicht immer hat er jemanden, die oder der den Küsterdienst versieht.  Also steckt er Mikros ein, stellt Wasser, Wein, Kelch und Hostienschale auf den Altar. Die großen Leuchter hinter dem Altar schiebt er aber nicht weg – zu schwer und aufwendig für eine Einzelperson. "Wir feiern dann eben 'ad orientem'", schmunzelt er.

Zur Werktagsmesse an diesem Dienstag kommen sechs Gläubige, sie verlieren sich in der dafür völlig überdimensionierten Kirche. Bis auf einen jungen Mann, der sich auf den Weg zum Priesterberuf gemacht hat, sind sie sämtlich in gesetzterem Alter. Nichtsdestoweniger feiert Zimmermann mit ungetrübtem Optimismus die Messe, stimmt die Lieder an und hält nach dem Gottesdienst auch noch ein Schwätzchen mit den Besuchern. Danach heißt es für ihn: Abbauen. Wieder wuselt der Kirchenmann um den Altar herum – von seiner Antriebskraft hat er nichts verloren.

Zimmermann kommt gebürtig aus Ketzin im Havelland. Auf die Frage, wo er denn kirchenpolitisch stehe, wehrt er ab: "Ich bin katholisch." Er schätze die Vielfalt vom Rosenkranzgebet bis zur Jugendband. "Ich suche immer nach pragmatischen Lösungen." Nur mit politischen Äußerungen in der Kirche fremdelt er; ein Relikt seiner Kindheit in der DDR, sagt er. Damals habe die Kirche überwiegend nach innen gelebt, sich gesellschaftlich und politisch zurückgehalten. Man wusste, was man sagen durfte und manchmal sagen musste: "Ich auch, in Staatsbürgerkunde hatte ich immer gute Noten." Die Spuren davon merke er auch bei seinen Gläubigen bis heute, wenn es etwa um das Fremdeln mit Ungewohntem oder Unbekanntem gehe.

Nicht wie in der großen Stadt

Hier in der Provinz laufe vieles anders als in großen Städten, sagt er. Auf seinem Gemeindegebiet ist etwa kein Missbrauchsfall bekannt, "deshalb ist das hier kein so großes Thema", so Zimmermann. Vielmehr stehe der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen auf der Agenda. Synodaler Weg? Hier als Thema so gut wie nicht präsent. Verbände, Jugendarbeit? Fällt fast komplett aus. Zimmermann betreut seine Messdienergruppen, doch die Jugendlichen ziehen in der Regel weg. Die Katholiken hier – soweit sie denn mit der Kirche etwas zu tun haben – versammeln sich um die Gottesdienste und um die wenigen Kirchen. Es ist eine kleine, immer noch in sich gekehrte Welt. Natürlich braucht Zimmermann Unterstützung, arbeitet mit den Gremien zusammen. Doch hier wird er als Pfarrer weniger angefragt, sondern um seine Meinung und Entscheidung gebeten. Die Laien, die lieber am Pfarrer vorbei gestalten wollen, gibt es hier nicht. Die wenigen Beteiligten arbeiten eng zusammen.

Zimmermann öffnet ein paar Straßen weiter das Tor zum unscheinbaren Innenhof eines Wohnhauses. Im Erdgeschoss des Gebäudes fällt die katholische Kapelle nur durch die gotischen Fensterformen auf, darüber sind Wohnräume. Der Kirchenraum ist gedrungen und spärlich eingerichtet, fast wirkt er wie ein umgenutzter Saal: Orgel, Bänke, Altar, Tabernakel, alle aus dem gleichen hellen Holz – das war's. Dabei gibt es diese Kapelle schon seit über 100 Jahren. Momentan wird gemalert, irgendwann nach Corona soll die Gemeinde hier wieder Gottesdienst feiern.

Die spärliche Besetzung der Messe zeigt es: Auch hier kommen bei weitem nicht alle Katholiken in die Gottesdienste. Da liegt die Frage nach der Zukunftsfähigkeit von Standorten wie Fehrbellin nahe. Doch Zimmermann winkt ab: "In der Pfarrei versuchen wir, langfristig alle kirchlichen Standorte zu erhalten." Kein einfaches Unterfangen, denn wo wenige Gläubige sind, sind auch die finanziellen Mittel knapp. Doch Zimmermann denkt am liebsten nicht in solchen Kategorien. "Kirche lebt von vor Ort, sie ist für die Menschen an einem Ort ein Anker." Was einmal weg sei, wachse nur sehr schwer wieder nach. Wenn das Geld dann aber doch knapp wird, hat er auch Ideen: Hauskirchen zum Beispiel, in denen Familien zusammen beten können – und dann einmal im Monat die Messe besuchen. Doch so weit mag er eigentlich gar nicht denken, noch ist ja alles da.

In erster Linie Seelsorger

Es geht zurück nach Neuruppin ins Büro. Das Pfarrhaus liegt direkt neben der Herz-Jesu-Kirche, die am Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde und ebenfalls momentan renoviert wird. Dadurch soll sie einladender aussehen und möglichst mehr Gläubige und Interessierte anziehen. Das Pfarrhaus daneben ist ein schlichter, aber geschmackvoller Ziegelbau: im Erdgeschoss Büros, darüber wohnt Zimmermann.

Die Pfarrsekretärin hat Urlaub, also bestückt Zimmermann momentan auch die Schaukästen und die Internetseite selbst. Doch ein weiteres Büro ist besetzt: Dort sitzt Ulrich Schnauder, mit einer halben Stelle Verwaltungsleiter der Pfarrei. Für Zimmermann eine große Erleichterung, denn er empfindet sich in erster Linie als Seelsorger: "Ich bin primär Priester, meine Hauptaufgabe ist es, die Sakramente zu spenden. Die Verwaltungsaufgaben in der Pfarrei kann gut jemand anderes übernehmen." Gemeinsam sitzen Schnauder und Zimmermann zusammen und beraten den organisatorischen Teil des Pfarrlebens.

Planung, Organisation, an Gewand und Unterlagen denken – der Job als Landpfarrer verlangt Einfühlungsvermögen und Organisationstalent. Das werde nicht alles in der Ausbildung gelehrt, sagt Zimmermann: "Das Priesterseminar ist ein geschlossenes System. Hier in der Pampa läuft vieles anders." Es gebe Computerprogramme zu lernen und den Alltag der Menschen wahrzunehmen. Wer an die eigenen priesterlichen Gebetszeiten nicht von selbst denke, habe auch niemanden, dem das auffalle. Dazu kämen zahlreiche wiederkehrende Aufgaben wie das Predigtschreiben. Zimmermann beschäftigt sich in der Regel Dienstags oder Mittwochs zum ersten Mal mit dem Sonntagsevangelium, wendet die Inhalte des Textes im Kopf und lässt sie auf sich wirken. Freitagabend oder Samstag schreibt er dann den Text. Auch hier gilt: Auf dem Teppich bleiben. Was er in der Kirche sagt, muss bei den Menschen im ländlichen Brandenburg auch ankommen. Seine Gottesdienstgemeinde besteht aus Menschen aller Vermögens- und Bildungsstufen. Kein einfaches Publikum für eine Predigt.

Am Nachmittag die Beerdigung

Zimmermann packt seinen schwarzen Koffer um, wieder geht es ins Auto, dieses Mal in Richtung Friedhof. An diesem Nachmittag wartet noch eine Beerdigung auf den Pfarrer. Davon hat er im Schnitt eine oder zwei im Monat. Selbst wenn es Katholiken hier gibt: Deren Kinder haben oft nicht auf dem Schirm, ob ihre Eltern katholisch beerdigt werden möchten oder nicht – deshalb erfährt er von vielen Todesfällen auch erst durch das Einwohnermeldeamt.

Auf dem evangelischen Friedhof angekommen, mit dem Zimmermann zusammenarbeitet, bespricht er sich kurz mit dem Bestatter. Dann zieht er sich ein paar Schritte weiter in einen kleinen Raum zurück, in dem er sich umziehen kann: Gewand, Utensilien und alle Papiere hat er selbst mitgebracht, wieder ist er auf sich allein gestellt. Der Gottesdienst ist schlicht und dennoch würdig, es sind dann doch einige Verwandte gekommen. Gemessen bewegt sich die Gemeinde nach dem kleinen Gottesdienst zum Grab, wo Zimmermann die Verstorbene der Erde übergibt.

Es geht zurück ins Büro. Zwei Mal hat Zimmermann seinen Koffer heute schon gepackt, jetzt stellt er ihn schon etwas geschafft in die Ecke. Es wartet noch Büroarbeit auf ihn. Sein Büro befindet sich im hinteren Teil des Pfarrhauses, noch hinter dem Besprechungszimmer. Er sitzt in dem kleinen, zurückhaltend eingerichteten Raum. Zimmermann hat noch einen beachtlichen Stapel Papier auf seinem Schreibtisch liegen, der heute abgearbeitet werden will. Und er macht immer noch nicht den Eindruck, als hätte er seinen Optimismus und seine Tatkraft verloren. Mit der mittlerweile schon gewohnten Ruhe und Zuversicht setzt er sich daran, seine kleine große Diaspora-Pfarrei am Leben zu erhalten. Neue Großpfarrei? Verstreute Gläubige? Zimmermann setzt auf sein Gottvertrauen, er gibt noch lange nicht auf. Er macht heute sicher noch länger; der Einzelkämpfer, der auch in der Provinz Kirche macht.

Von Christoph Paul Hartmann